Workshop: „Erinnern und Vergessen“ in Krasne (Ukraine)

Im polnischen Jugów (Hausdorf) im niederschlesischen Eulengebirge wurde vor zwei Jahren ein Projekt gestartet, das in der kommenden Woche seine Fortsetzung in Krasne (Ukraine) finden wird: Unter dem Titel „Memory & Oblivion“ begann ein Team von jungen Wissenschaftlerinnen aus Deutschland, Polen und der Ukraine sich mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive zu befassen und insbesondere die Thematik der Zwangsmigration im Kontext individueller als auch kollektiver weiblicher Erfahrungsmuster näher zu beleuchten. Zentrales Anliegen dabei war die Dekonstruktion national determinierter Opferdiskurse sowie die Fokusierung auf die Schicksale der Frauen jener Jahre, die in (politisch rechts wie links zu verortenden) geschichtspolitischen Erinnerungsdiskursen der einzelnen Länder Mittel- und Osteuropas bislang überwiegend als passive Randfiguren im Verlaufe dieser zäsurhaften Jahre in Erscheinung treten durften.


Die Geschichte der Frauen von Jugów war für uns Teilnehmerinnen gerade deshalb so interessant, weil hier in diesem kleinen hundert-Seelen-Dorf im Zuge der Kriegsereignisse ein nahezu vollständiger Bevölkerungsaustausch stattgefunden hat: Deutsche Frauen verließen den Ort (einige wenige blieben aber auch), polnische und ukrainische Frauen aus dem Osten Europas (sowie aus dem französischen Exil) fanden hier ein neues zu Hause bzw. wurden hierher zwangsumgesiedelt. Wie nahmen diese Frauen jene schicksalhaften Monate wahr? Wie gingen sie mit den Brüchen in ihrer Biographie um? Wie erlebten und verarbeiteten sie das Spannungsverhältnis von Brutalität und Alltag in Kriegszeiten? Wie organisierten sie nicht zuletzt auch ihre eigenen Bedürfnisse? Solche und ähnliche Fragen standen im Zentrum dieses ersten internationalen Geschichtsworkshops, in dessen Ergebnis ein höchst sehenswerter Dokumentarfilm entstanden ist, der den Frauen von Jugów Raum und Zeit für ihre individuelle Geschichte einräumt.

Trailer:

Als Kooperationspartnerin beteiligt sich MONAliesA auch am zweiten Teil dieses internationalen Workshops, weshalb ich mich am kommenden Freitag auf den langen Weg in Richtung Lviv machen werde. Auch hier soll am Ende wieder ein Film entstehen, der im Sinne der Oral History einmal jenen Themen und Akteurinnen ein Podium bereitet, die vom erinnerungspolitischen Mainstream bislang zumeist übertönt wurden, deren biographische Erfahrungen somit auch unweigerlich dem Vergessen anheimzufallen drohen.

Über meine Eindrücke und Erlebnisse vom zweiten Teil des Workshops werde ich versuchen auch möglichst zeitnah hier im Blog zu berichten. Wer mehr Interesse am Projekt hat, sei einerseits natürlich auf die Dokumentation „Memory and Oblivion“ verwiesen, die bei uns in der Bibliothek zum Ausleihen bereitliegt. Interessant ist außerdem:

– Link zur „Fundacja Kobieca“ zum ersten Teil des Projektes: http://www.efka.org.pl/en/?action=gl&ID=119

– Bericht im „Kurier Galicyjski“: http://www.kuriergalicyjski.com/index.php/reportage/724-projekt-historyczny-o-przesiedleniach-na-ukrainie-zachodniej

–  Projektbeschreibung auf der Seite von „Geschichtswerkstatt Europa“: http://www.geschichtswerkstatt-europa.org/projekt-details/items/krasne.html

(Jessica Bock)

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