Brief an Michelle Williams

Michelle Williams als „Indianerin“ – Was soll das?

Liebe Michelle Williams,

seit Jahren sehe ich viele Deiner Filme und bin jedesmal begeistert von deinem schauspielerischen Können. In dem Meer an botoxverseuchten und mehr oder minder talentfreien Schauspielerinnen bist Du glücklicherweise eine große Ausnahme. Doch seit dem Cover des AnOther Magazine finde ich dich irgendwie gar nicht mehr cool. Was ist passiert?

Auf dem Cover bist Du ziemlich eindeutig als Native Woman verkleidet. Ja richtig, verkleidet. In der weißen kapitalistischen Gesellschaft wird das gerne als Ethno-Look bezeichnet. Dieser Mode-Trend taucht immer mal wieder wellenartig auf und soll stets ein Hauch von „Andersartigkeit“, „Naturnähe“ oder „Exotik“ versprühen. Mode darf das, denn „Mode hat keine Moral und darf machen, was sie will.“ So die Meinung von Sabine Resch, Studienleiterin im Bereich Modejournalismus an der Münchner AMD Akademie Mode und Design und Dozentin für Modetheorie. Sie hält die Debatte um Dein Cover-Foto für reichlich übertrieben. Ignoranter kann ein Mensch kaum sein.

Die kapitalistische, rasstische und auch sexistische Vereinnahmung der Kultur der Native Americans, sei es in Nord-, Mittel- oder Südamerika, hat eine lange Tradition und ist eng mit der Geschichte der Kolonisation und ethnischen Verfolgung indigener Menschen verbunden. Menschen indigener Abstammung bzw. Zugehörigkeit wurden jahrhundertelang verfolgt, ihre Sprachen, Religionen und Bräuche wurden unterdrückt und in manchen Regionen auch ausgelöscht. Erst mit dem Aufkommen des American Indian Movement in den 1970er Jahren gelang eine Gegenbewegung zur Bewahrung und Stärkung der vielen hunderten unterschiedlichen Nations.

Die weiße Vereinnahmung indigener Kulturen reicht von Hollywoodfilmen (siehe z. B. Der mit dem Wolf tanzt oder Der letzte Mohikaner) über Musik bis hin zur Mode. Liebe Michelle, hast Du jemals darüber nachgedacht, dass Muster oder Federn für viele Native Americans keine x-beliebige Konsumprodukte sind, sondern essentielle Bestandteile ihrer Identität und Kultur? Hast Du überhaupt eine Ahnung davon, dass die Mode der Native Americans mehrere Jahrhunderte alt ist? Gemusterte Stoffe, die bestimmten Ethnien zugeordnet werden, sind da nicht  einfach nur Muster. Sie haben zum Teil spirituelle Bedeutungen oder sind Zeichen, die mit Botschaften oder gar Geschichten verbunden sind. Aber um das zu wissen, liebe Michelle, muss man sich mit deren Geschichte und Kultur intensiv beschäftigen. Hier sind ein paar Tipps:

* Identity by Design. Tradition, Change, and Celebration in Native Women´s Dresses, von National Museum of the American Indian.

* Indigenous American Women: Decolonization, Empowerment, Activism, von Devon Abbott Mihesuah.

* Conquest. Sexual Violence and American Indian Genocide, von Andrea Smith.

* Reel Injun. On the trail of the Hollywood Indian, Dokumentation 2011.

Ach Michelle, ich dachte Du bist irgendwie klüger als z. B. Gwen Stefanie und ihre Band No Doubt. Die haben im letzten Jahr mit ihren Video „Looking Hot“ mal so richtig in die rasstisch-sexistische Mottenkiste gegriffen. In diesem Clip ist Gwen Stefanie als blonde „sexy Indian Maiden“ zu sehen. Weißt Du Michelle, dass diese rassistische und sexistische Pervertierung der Native Women u. a. ein Grund für die massive sexualisierte Gewalt gegenüber indigenen Frauen ist?

Eigentlich wollte ich mir in dieser Woche Deinen neuen Film „Take this Waltz“ anschauen, aber das überlege ich mir noch. Schade.

 

 

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