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Sachbuch

Kirchner, Barbara: Dämmermännerung. Neuer Antifeminismus, alte Leier.

Pro Lippenstiftmarxismus

Nicht nur christliche FundamentalistInnen und querfrontlerische Publizistengockel vertreten die Meinung, dass Feministinnen der Schrecken der Gesellschaft sind. In allen Feuilletons und Talkshows genau wie bei den Linken tritt regelmäßig dann, wenn Frauen auf Sexismus und Geschlechterhierarchien hinweisen, antifeministisches Ressentiment zutage. Die Äußerungen reichen von, »wer heute noch diskriminiert wird, ist selber schuld«, bis zu dem ältesten aller Vorwürfe, Feministinnen seien lustfeindliche Spaßbremsen.
DaemmermaennerungBarbara Kirchner schreibt in ihrem Essay Dämmermännerung gegen derartige antifeministischen Positionen. Mit Vehemenz und vielen Beispielen entlarvt sie auf knapp 90 Seiten Text antifeministische Rhetorik und argumentiert, warum ein gesellschaftliches Unrechtsverhältnis nicht individuell auflösbar ist.
Dabei bekommen viele ihr Fett weg. Zuvorderst »die kleinbürgerlichen und billigintellektuellen Männderdenker, die bourgeoisen Quotenheuchler, die Fit-For-Fun-Motivationsspinnerinnen « und andere, die sich am antifeministischen Rollback beteiligen. Insbesondere Antifeministen, die sich für aufgeklärte Zeitgenossen halten, werden von Kirchner auseinandergenommen und in ihren Argumentationsfiguren enttarnt.
Eine dieser Figuren imaginiert den Feind zwar als allmächtig, aber findet in ihm gleichzeitig ein leichtes Opfer. In Kirchners Worten: » real schwach und phantastisch übermächtig«. Am Beispiel der Homo-Ehe zeigt Kirchner, dass eine mit wenig Rechten ausgestattete Gruppe, verantwortlich für den »Zerfall der Familie« allgemein oder sogar individuell gemacht wird. Oder wie Frauen, die real nicht einmal gleiche Löhne für dieselbe Tätigkeit erhalten, als unfair bevorteilt halluziniert werden (68). Kirchner kommt zu dem Urteil, »Antifeminismus ist der Sexualentfremdungsprotest der dummen Kerls.« (79).
Auch feministische Positionen werden von Kirchner kritisch untersucht. Die Frauenbewegung hätte die Lohn-für-Hausarbeit-Debatte mit den Gewerkschaften als Arbeitskampf führen sollen, um die Forderung nach geldwertem Lohn dorthin zu bringen, wo Mehrwert produziert wird. »Queerfeministische Militante« würden Männern Privilegien lieber entziehen, statt sie zu »wünschenswerten Universalien zu erklären« (66). Auch das Abspaltungstheorem der Wertkritik und Judith-Butler-Lesekreise werden mit Seitenhieben bedacht.

Trotz aller Kritik an bestimmten feministischen Spektren wiederholt Kirchner an verschiedenen Stellen, dass für einen gemeinsamen Kampf nicht jede Analyse geteilt werden muss. »Man muß nicht an die ungebrochene Existenz des Patriarchats glauben, um festzustellen, daß sich der Kampf gegen Leute lohnt, die es verteidigen und retten wollen« (66), (ja, das Buch ist in konkret Manier in alter Rechtschreibung gesetzt, was genauso unnötig ist, wie die häufigen Verweise auf falsche Sprachverwendung bei GegnerInnen).
Ein ganzes Kapitel widmet sich Bernhard Lassahn, Publizist und Käpt’n Blaubär Autor. Seine »rechten Denkblasen« (81) stehen exemplarisch für »die Irrenzone des rechten Demagogenpools« (69). Dieser argumentiert dumpf, dass alle Feministinnen gegen Penetration, Männer und Kinder seien. Er postuliert einen »Zeugungszwang« (87), wenn er Liebe mit Sex und Sex mit Fortpflanzung gleichsetzt. Nichts anderes verdient seiner Meinung nach einen rechtlichen Schutz. Schwule und Lesben sind Lassahn und den Seinen ein biologischer Unfall, der nicht als normal angesehen werden dürfe.
Warum sie solch neurechten, querfrontlerischen Positionen Raum gibt, erklärt Kirchner damit, dass diese von der gesellschaftlichen Mehrheit als Referenzfolie genutzt werden – nach dem Motto, so schlimm wie die sind wir nicht, aber gebt acht, wenn wir nicht wären, würde es euch noch schlechter ergehen.

Im letzten Kapitel Es kommt aber darauf an, sie zu verändern präzisiert die Autorin, die hauptberuflich Professorin für theoretische Chemie ist, ihren antikapitalistischen Feminismus. Sie argumentiert gegen die olle Nebenwiderspruchsthese, weil »Unfreiheiten, die noch aus der Urhorde stammen, von keiner neuen Gesellschaftsformation je automatisch weggefegt wurden«. Sagt aber auch, dass »alle Erscheinungsformen des […] nicht kapitalismusspezifischen Unrechts […] kapitalistisch eingerichtet, vermittelt, organisiert« sind. Barbara Kirchner richtet sich an alle, die von Herrschaft und Besitzverhältnissen nicht reden wollen, und schließt den Kreis ihrer Argumentation. Denn der erste Satz dieses – nach eigener Bezeichnung – »Traktats« lautet: »Man kann Schlechtes verbessern, ohne das anzutasten, was am Schlechten schlecht ist.«
Insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre, die deutliche Worte gegen Antifeminismus findet und mit interessanten Beispielen und Anekdoten unter anderem aus der Welt der Naturwissenschaft arbeitet.

Susanne Fischer